Molly ist 45 Jahre alt und lebt seit drei Jahren auf der Straße. Wenn man sie in der Innenstadt auf einer Parkbank sitzen sieht, fällt zuerst ihr wacher Blick auf. Sie spricht offen über ihr Leben, über verlorene Chancen – und darüber, wen sie für ihre Situation verantwortlich macht. „Die Regierung ist schuld“, sagt sie mit fester Stimme. Für sie hat die Politik versagt: zu wenig bezahlbarer Wohnraum, zu komplizierte Hilfssysteme, zu wenig Unterstützung für Menschen, die aus der Bahn geraten sind.
Mollys Geschichte beginnt keineswegs „auf der Straße“. Früher arbeitete sie im Einzelhandel, hatte eine kleine Wohnung und einen Freundeskreis. Dann kamen mehrere Schicksalsschläge zusammen: eine Trennung, der Verlust ihres Jobs, gesundheitliche Probleme. Schließlich konnte sie die Miete nicht mehr zahlen. Was zunächst als Übergangslösung gedacht war – ein paar Nächte bei Bekannten – wurde zur Dauer. Irgendwann blieb nur noch die Straße.
Dass sie heute obdachlos ist, sieht Molly nicht nur als persönliche Tragödie, sondern als Ausdruck eines größeren Problems. „Ich habe versucht, Hilfe zu bekommen“, erzählt sie. Formulare, Wartezeiten, überfüllte Unterkünfte – vieles habe sie entmutigt. „Wenn du einmal rausgefallen bist, kommst du kaum wieder rein.“ Ihre Kritik richtet sich an Behörden und politische Entscheidungsträger, die ihrer Meinung nach zu weit weg vom Leben der Betroffenen sind.
Gleichzeitig zeigt Mollys Geschichte, wie komplex das Thema Obdachlosigkeit ist. Neben politischen Rahmenbedingungen spielen auch persönliche, gesundheitliche und soziale Faktoren eine Rolle. Fachleute weisen darauf hin, dass kein einzelner Grund „schuld“ ist, sondern ein Zusammenspiel vieler Ursachen – von steigenden Mieten über prekäre Jobs bis zu fehlender psychosozialer Unterstützung.
Molly wünscht sich vor allem eines: gesehen zu werden. „Ich bin nicht unsichtbar“, sagt sie. Sie hofft auf mehr bezahlbare Wohnungen, niedrigschwellige Hilfsangebote und einen respektvollen Umgang mit Menschen ohne festen Wohnsitz. Ihre Worte sind zugleich Anklage und Appell.
Am Ende unseres Gesprächs zieht sie ihre Jacke enger um die Schultern. „Ich will einfach wieder ein Zuhause“, sagt sie leise. Ihr Satz klingt nach – als Erinnerung daran, dass hinter jeder gesellschaftlichen Debatte ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steht.
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